Scheidung auf Hamburgisch

Es war ein langer Weg, doch mit dem "Gottorfer Vergleich" wurde Hamburg unabhängig.

Hamburger Hafen (Ansicht aus dem 18. Jahrhundert)

VON HARRY D. SCHURDEL

"Jetzt oder nie. Dänemark ist so hoch bei uns verschuldet, dass wir hier den Hebel ansetzen können, um endgültig und für alle Zeiten die hamburgische
Unabhängigkeit festzuschreiben." Die Meinung der Herren Senatoren war einhellig. Man schrieb das Jahr 1766. Und tatsächlich, das Königreich Dänemark stand bei den Hamburger Stadtvätern mit 1,2 Millionen Talern in der Kreide. Immer wieder schauten Dänemarks Herrscher neidisch auf die reiche und strategisch so günstig gelegene Stadt an der Elbmündung. Seit 1474 König Christian 1. (1448-1481) vom römisch-deutschen Kaiser Friedrich III. (1452-1493) mit Holstein als herzoglichem Reichslehen bedacht worden war, wurden die Begehrlichkeiten noch größer.

 

In einem Fiskalstreit zwischen Hamburg und dem Reich entschied am 6. Juli 1618 das Reichskammergericht zu Speyer, dass die Elbmetropole mit ihrer Verweigerung der Zahlung anteiliger Reichslasten Unrecht hat, sei die Stadt doch "Kaiser und Heiligem Reich unmittelbar unterworfen und verwandt". Jetzt hatte es Hamburg schwarz auf weiß, dass es eine Reichsstadt sei, niemandem
anderen verantwortlich als dem deutschen Kaiser - dafür zahlte man gerne
Steuern. Kopenhagen sah das ganz anders, legte gegen das Urteil Revision ein.
Doch das weitere Verfahren blieb in Schwebe - 150 Jahre lang.

 

1766 nun ergab sich eine neue Konstellation. Dänemark brauchte wieder einmal Geld und Russlands Zarin Katharina 11. (1762-1792), die gegen dieOsmanen und Polen eine Expansionspolitik betrieb,· wollte  sich des Wohlwollens des dänischen Herrschers versichern. So war sie bereit,  auf Anspruche auf Schleswig und Gottorfer Territorien zu verzichten. Zur  Erklärung: Katharinas verstorbener Ehemann Zar Peter III. stammte aus dem Hause Holstein-Gottorf. Da nun Hamburg seinerseits Pfandrechte an  bestimmten Gottorfer Besitzungen besaß, schien dem Senat eine entsprechende Demarche günstig.

 

So kam es vor 245 Jahren, am 27. Mai 1768, zum Vertragsabschluss auf Schloss Gottorf, zum "Gottorfer Vergleich": Neben einem umfangreichen Gebietsaustausch erließ Hamburg dem dänischen Staat seine Verbindlichkeiten, verzichtete auf die Schuldsumme Holstein-Gottorfs in Höhe von 338000 Reichstalern und erhielt im Gegenzug die Anerkennung als "Freie Reichsstadt" und Unabhängigkeit vom dänischen Herzogtum Holstein. Es war ein langer und beschwerlicher Weg zur Erlangung der Souveränität Hamburgs von den holsteinischen Herzögen und dänischen Königen. So mahnt denn noch heute eine Inschrift in güldenen Lettern über dem Portal des Hamburger Rathauses: .Libertatem, quam peperere maiores, digne studeat servare posteritas!

- Die Freiheit, die errungen die Alten, möge die Nachwelt würdig erhalten!"

                                                                                           

Artikel aus Der Insel-Bote / Hr