Quelle: Welt am Sonntag vom 11.03.2012               Autor: Uwe Bahnsen´

 

 



Als Wandsbek und Altona nach Hamburg kamen

1937 trat das "Gesetz über Groß-Hamburg und andere Gebietsbereinigungen" in Kraft. Es sollte die Wirtschaftskraft der Stadt verbessern

Es gab wirklich etwas zu feiern. Und es war klar: Diesen Anlass ließ sich der Propaganda-Apparat des NS-Regimes nicht entgehen. Am 1. April 1937, vor 75 Jahren, trat das "Gesetz über Groß-Hamburg und andere Gebietsbereinigungen" in Kraft, seither das "Groß-Hamburg-Gesetz" genannt. Im Hinblick auf Hamburgs Landesgrenzen gilt es bis heute. Zum obligaten Festakt im Rathaus am 31. März reiste aus Berlin der Reichsinnenminister Wilhelm Frick an, der sein Leben 1946 am Galgen in Nürnberg beendete. Am nächsten Tag war der Rathausmarkt, der inzwischen Adolf-Hitler-Platz hieß, ein Fahnenmeer. Auf der Großkundgebung trat Rudolf Heß, der "Stellvertreter des Führers", an die Mikrofone. Er starb ein halbes Jahrhundert später als letzter Häftling im alliierten Kriegsverbrecher-Gefängnis in Spandau.
 Die Botschaft, die Frick und Heß in ihren Reden verkündeten, war simpel. Sie schien so einleuchtend, dass sie bis auf den heutigen Tag fortwirkt, und war dennoch verlogen. In der Zeit der Weimarer Republik hätten die beteiligten Regierungen, vor allem Preußen und Hamburg, es nicht geschafft, das Thema Groß-Hamburg voranzubringen. Das habe erst die "nationalsozialistische Bewegung" erreicht. Mit triumphierendem Unterton rief Heß aus: "Es ist zusammengeschlossen, was notwendigerweise längst zusammen gehörte: Groß-Hamburg ist Wirklichkeit geworden!" Frick hatte am Abend zuvor die territoriale Neuordnung in Hamburg vor allem mit der notwendigen Vergrößerung des Hafen- und Siedlungsgebietes begründet. Die wahren Motive des NS-Regimes verschwiegen beide ihren Zuhörern. Hamburg sollte als Wirtschaftsregion massiv gestärkt und in den Dienst des Vier-Jahres-Planes gestellt werden, und der diente der Aufrüstung für den geplanten Krieg.

Durch das "Groß-Hamburg-Gesetz" trat Preußen die Stadtkreise Altona, Wandsbek und Harburg-Wilhelmsburg sowie 27 Gemeinden der Landkreise Stormarn, Pinneberg, Harburg und Stade an Hamburg ab. Im Gegenzug erhielt Preußen aus dem bisherigen hamburgischen Staatsgebiet die Stadt Geesthacht, die Gemeinden Großhansdorf und Schmalenbek sowie die Stadt Cuxhaven mit fünf benachbarten Gemeinden. Das Gebiet der Hansestadt Hamburg vergrößerte sich schlagartig von 415 auf fast 750 Quadratkilometer, die Einwohnerzahl stieg von 1,19 auf 1,68 Millionen. 1938 wurde Hamburg ein "Reichsgau" mit dem Namen Hansestadt Hamburg.

Das Gesetz regelte auch eine Reihe von weiteren territorialen Veränderungen in Norddeutschland. Der Stadtstaat Lübeck verlor seine Selbstständigkeit und fiel an die preußische Provinz Schleswig-Holstein. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten Lübecks Stadtväter, ihren früheren Status wiederherzustellen, scheiterten damit aber 1956 vor dem Bundesverfassungsgericht. In Hamburg beseitigte das Gesetz einige groteske Verwaltungsprobleme, zum Beispiel in Finkenwerder: Die Nordseite der Elbinsel gehörte zu Hamburg, die Südseite zu Lüneburg. Die Kirche St. Nikolai am Finkenwerder Langenscheideweg und ihr Begräbnisplatz, der "Lüneburger Friedhof", waren jahrhundertelang ein Zankapfel zwischen beiden Verwaltungen. Mit dem Groß-Hamburg-Gesetz endete dieser konfliktbeladene Zustand: Ganz Finkenwerder fiel nun an Hamburg.

NS-Bürgermeister Carl Vincent Krogmann (er war völlig von Reichsstatthalter Karl Kaufmann abhängig) hat nach dem Krieg behauptet, Hitler habe ihm 1936 das Groß-Hamburg-Gesetz als eine Sache geschildert, die "mit einem Federstrich" erledigt worden sei. Belege dafür gibt es nicht. Erwiesen ist hingegen, dass der preußische Ministerpräsident Hermann Göring sich im November 1936 in Hamburg aufhielt. Göring war auch Oberbefehlshaber der Luftwaffe und Beauftragter für den Vier-Jahres-Plan, hatte also an einem Groß-Hamburg als ökonomischem Stützpfeiler der Aufrüstung großes Interesse. Er konferierte mit Reichsstatthalter Kaufmann, Krogmann und hohen Beamten, die ihm verwaltungsrechtliche Probleme zwischen Preußen und Hamburg vortrugen. Daraufhin erteilte Göring dem Reichsstatthalter eine begrenzte Weisungsbefugnis gegenüber einigen preußischen Dienststellen. Das erwies sich jedoch als Fehlschlag, und nun wurde eine grundsätzliche Lösung gesucht. Das Ergebnis war das Groß-Hamburg-Gesetz, das am 26. Januar 1937, unterzeichnet von Hitler, dem Reichsinnenminister Frick, dem Reichsfinanzminister Graf Schwerin von Krosigk und Göring, im Reichsgesetzblatt veröffentlicht wurde. Es mag sein, dass Hitler auch persönlich an dem nun entstehenden Groß-Hamburg gelegen war. Denn der Diktator plante eine gigantische Bebauung des Elbufers mit einer riesigen Elbbrücke und einer Landeanlage für Passagierschiffe. Als ihm die Modelle vorgeführt wurden, habe er, so wieder Krogmann nach dem Krieg, die Frage gestellt, weshalb diese Anlage nicht weiter westlich geplant sei. Krogmann entgegnete ihm nach eigener Darstellung, das sei Altonaer Gebiet, darüber könne Hamburg nicht verfügen. Hitler habe daraufhin die Genehmigung erteilt, auch auf Altonaer Territorium zu planen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es in der britischen Militärregierung ernsthafte Bestrebungen, das Groß-Hamburg-Gesetz aufzuheben. Denn zum einen war es "Nazi-Recht", und überdies plante die Besatzungsmacht eine weitgehende politische Dezentralisierung auch in Hamburg. In Altona wie in Harburg-Wilhelmsburg stießen diese Pläne auf offene Sympathie. Örtlich einflussreiche Lokalpolitiker hofften mindestens auf eine größere Autonomie. Der durch das Groß-Hamburg-Gesetz geschaffenen Einheitsgemeinde Hamburg sagten sie den offenen Kampf an. Es war vor allem dem ersten Nachkriegsbürgermeister Rudolf Petersen zu danken, dass die Militärregierung ihre Pläne aufgab. Der Senatschef zog alle Register, um den Engländern klarzumachen, dass der Wiederaufbau der zertrümmerten, hungernden Stadt nur bei einer Konzentration aller Kräfte auf dieses Ziel gelingen könne. "Old P.", wie man in der Militärregierung den Bürgermeister respektvoll nannte, setzte sich durch. Sein Amtsnachfolger, der einstige Altonaer Oberbürgermeister Max Brauer (SPD), vertrat den gleichen Standpunkt. Forderungen nach mehr Selbstständigkeit gibt es aber vor allem in Harburg und Altona bis auf den heutigen Tag.