Stellingen ist viel mehr als Hagenbeck

Für den Enkel des Tierpark-Gründers ist dieser Stadtteil vor allem auch seine Heimat. Wer also wäre besser geeignet, uns durch den ehemaligen Vergnügungsort der Hamburger zu führen als Dr. Carl Claus Hagenbeck?

 

Bus 181 ab U-Schlump bis Informatikum, steht auf dem Zettel. Stehcafe gegenüber der Haltestelle, 9.00 Uhr. Ein Interview im Stehen? Wahrscheinlich zieht’s auch noch! – Er ist schon da, eine stattliche Erscheinung, an die zwei Meter groß. Sieht er Carl Hagenbeck ähnlich? Mit Backenbart vielleicht, aber es ist glatt rasiert. »Ich soll Ihnen mein Stellingen zeigen?« Dr. Carl Claus Hagenbeck sieht mich amüsiert an. »25 Hektar ehemals landwirtschaftliche Nutzfläche, auf denen mein Urgroßvater den Tierpark errichtete, gehören noch heute den Hagenbecks. Das ist ’mein’ Stellingen.« »Und davon abgesehen?« hake ich nach. »Hhm«, sagt er, nun eher nachdenklich, »dies ist mein Heimatort. Da drüben, auf dem Parkplatz, stand mein Elternhaus, Wördemannsweg 9. Dort bin ich 1941 geboren und 1943 ausgebombt worden. Denken Sie sich an Stelle der Parkfläche einen Teich – plattdütsch: Pool – mit einigen Gehöften und etlichen Eichen drum herum, und Sie haben den alten Stellinger Dorfkern.«

Stelling, so die ursprüngliche Ortsbezeichnung, heißt wahrscheinlich nach einem der ersten Siedler namens Stallo. Die älteste Urkunde ist ein Verzeichnis aus dem Jahre 1347 im Staatsarchiv Hamburg. Der in der Eppendorfer Pfarrkirche St. Johannis tätige Pastor Nicolaus von Bremen führt darin seine Amtseinkünfte auf. In „villa Stellinge, dem zum Kirchspiel Eppendorf gehörigen Dorf, nennt er sieben Hofbesitzer, die den Kirchenzehnt, das heißt den zehnten Teil landwirtschaftlicher Erträge, zu entrichten hatten.

Das spätere Stellingen gehört zunächst zur Schauenburger Grafschaft Pinneberg, die 1640 von den Dänen besetzt und bis zu deren Niederlage im Deutsch-Dänischen Krieg verwaltet wird. Nach 1864 fällt Holstein kurzfristig an Österreich, wird aber von Preußen annektiert und 1867 der Provinz Schleswig-Holstein zugeschlagen. Die durch Pflastersteine markierte Grenze zwischen Preußen und Hamburg ist heute noch in der Högenstraße sichtbar. Stellingens Unabhängigkeit als eigenständige Gemeinde endet 1927 mit der Eingemeindung nach Altona. Großvater Heinrich Hagenbeck wehrt sich gegen diese Eingemeindung. Sein Minderheitenvotum ist brillant formuliert, absolut stichhaltig in der Begründung – und völlig wirkungslos. Zehn Jahre später wird Altona aufgrund des Groß-Hamburg-Gesetzes mit weiteren Städten und Gemeinden dem Land Hamburg zugeordnet.

Aber setzen wir nun unseren Rundgang fort. »Links sehen Sie die Evangelische Kindertagesstätte Alten Eichen auf dem Gelände des gleichnamigen Krankenhauses. Dort haben unsere Töchter Julia und Bettina mit der Strickliesel Sektglasuntersätze aus Wollwürsten, bunt behäkelte Holzbügel und laubgesägte Wilhelm-Busch-Figuren mit Abreißkalendern gefertigt – muss man bis zur Volljährigkeit aufheben, mindestens!

Auf dem Krankenhausgelände standen einst mehrere Gehöfte, die nach und nach von dem Hamburger Senats-Syndikus Dr. Wilhelm Amsinck erworben und an Pastor Dr. Theodor Schäfer, den Direktor der Diakonissenanstalt in Altona, weiterverkauft wurden. Er gründete hier das „Krüppelheim Alten Eichen“, das für mehr als 250 durch Krankheiten, Unfälle oder von Geburt an missgebildete Kinder ausgebaut wurde. Lehrerinnen und Lehrer unterrichteten sie in einer zum Heim gehörenden Schule, erfahrene Meister bildeten sie für handwerkliche Berufe aus und ihre Betreuer entwickelten aus der Praxis heraus Grundlagen für die Körper-behindertenpädagogik in Norddeutschland.

Im zweiten Weltkrieg brannten sämtliche Gebäude bis auf die Grundmauern nieder. Da auch die Altonaer Diakonissenanstalt zerstört worden war, entstand auf dem Ruinenfeld am Wördemannsweg das Krankenhaus „Alten Eichen“, das heute einer von drei Standorten des Diakonie-Klinikums Hamburg ist. Hier befindet sich außerdem ein eigenständiges, international angesehenes Medizinisches Versorgungszentrum für Patienten mit Erkrankungen des Herzens und der arteriellen Blutgefäße, das mit dem Herzzentrum im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf kooperiert.

Hinter dem erwähnten Parkplatz eröffnete die Universität Hamburg 1991 das Department Informatik der MIN-Fakultät (Mathematik, Informatik und Naturwissenschaft) auf dem ehemaligen Philips-Gelände. Das Elektronikunternehmen hatte seine 1971 in Stellingen errichtete „Philips Forschungslaboratorium GmbH Hamburg“ trotz heftiger Kritik seitens der Industriegewerkschaft Metall und prominenter Hamburger Politiker nach Aachen verlegt. Im Frühjahr 2008 nun hat die Universität eine Image-Umfrage durchgeführt, nach der sie selbst zwar nur einen mittleren Stellenwert in der deutschen Hochschullandschaft einnimmt. Bei der Medizinischen und der MIN-Fakultät überwiegen jedoch die positiven Einschätzungen. Für Stellingen ist sie auch insofern von Bedeutung, als Schülerinnen und Schüler der 10. Realschulklassen und der gymnasialen Oberstufe an einem einwöchigen „Schnupperstudium Informatik“ teilnehmen können.

»Nach dem Basis-Bastelkurs haben unsere beiden Töchter bei Albrecht Thaer Abitur gemacht. Das Gymnasium liegt links hinter dem Krankenhaus. Wir gehen jetzt aber nach rechts. Da vorn, im Wördemannsweg Nr. 2, hatten ›unsere‹ Schlachter Heinrich Lopez und Sohn Hans ihr Geschäft. Als Napoleon im November 1806 Hamburg besetzt hatte, kam Louis Lopez, Heinrichs Urgroßvater, mit einem spanischen Kontingent nach Hamburg, desertierte und heiratete eine Pinnebergerin. Offenbar war er ein sehr vernünftiger Mensch.

»Geburtshaus, Höfe, Pool und Schlachterladen – alles nicht mehr da. Existiert Ihr Stellingen vor allem im Kopf, Herr Hagenbeck?«

»Zum Teil ja. Anderes ist erhalten. Da drüben, das Restaurant ›Charmant‹ und die Kneipe ›Zur gemütlichen Ecke‹ gegenüber stammen aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg.«

»Ihre Stammkneipe?«

»Nein, aber das Restaurant ist in guter Erinnerung. Im Hungerwinter 1946/47 gab es bei Knuth, das war damals der Wirt, für Kinder zwischen 3 und 6 Jahren die ›Schwedenspeisung‹, eine Schüssel kräftige Suppe und einen nicht so beliebten Esslöffel Lebertran. Graf Folke Bernadotte, damaliger Präsident des schwedischen Roten Kreuzes und für die Aktion ›Rettet die Kinder‹ verantwortlich, ist daher bei alten Stellingern unvergessen.

»Jetzt gehen wir noch 100 m den Gazellenkamp in Richtung Lokstedt bis zum Altbau der Velux Deutschland GmbH, eine dänische Firma, die Menschen überzeugt hat, Dachböden auszubauen und durch ihre Fenster zu erhellen. Der Altbau war das Etablissement „Stellinger Park“, eins der ehemals vielen Stellinger Ausflugs- und Tanzlokale. Hier habe ich in den 50er Jahren verstohlene Blicke auf lange Perlonbeine und kurze Petticoats geworfen.«

Tatsächlich: Neumanns »Ortslexikon des Deutschen Reiches« von 1883 nennt Stellingen einen »Vergnügungsort«. Der im Basselweg aufgewachsene Graphiker und Maler Wilhelm Laage (1868-1930), dessen Werke noch heute von etlichen Auktionshäusern im Internet gehandelt werden, erinnert sich: »Pfingsten führte jedes Jahr die Bewohner der beiden nahen Städte Hamburg und Altona in Scharen auf das Land (…) in den Dorfschänken sang, schrie und krakeelte es. Endloser Bier- und Schnapsdunst zog durch die weit offenen Fenster ins Freie. Immer wieder sah man alte und junge Ausflügler, die mit gerötetem Gesicht, den Hut zurückgeschoben, die Jacke unterm Arm, unter krähendem Singsang sich schwankend auf der Straße fortbewegten.«

»Diese Idylle wurde im letzten Jahrhundert nach und nach zerstört, nach Auffassung des Stellinger Schriftstellers und Orgelbauers Hans Henny Jahnn auch durch meinen Urgroßvater.« Nach dem Tod seines Freundes, des Malers Heinrich Stegemann, dessen selbstgeschaffenes Grabmahl auf dem Stellinger Friedhof zu sehen ist, beklagt Jahnn nämlich in einem Nachruf, wie sich die Stellinger »Ländlichkeit in eine einzige große Wunde am Rande der großen Stadt« verwandelt hat. »Kaum ein Fleck blieb unberührt, Verschiebebahnhöfe, Fabriken, Pumpstationen, elektrische Leitungsdrähte, (…) ein Tiergarten mit Zufahrtstraße und Tramwagen über die absterbenden Viehkoppeln – alle diese unfreundlichen Vorposten städtischer Zivilisation.«

»Die schauen wir uns jetzt mal an. Da steht ganz zufällig mein Auto, Anschnallen bitte!«

Im Norden liegt der Damm der Umgehungsbahn. Im Jahr der Schwedenspeisung sprangen die Väter der gespeisten Kinder nachts auf die Güterzüge und »machten ordentlich Kohle«. Dann sangen sie bei Dünnbier das Kohlenklauer-Lied nach der Melodie der „Sentimental Journey“ von Doris Day. Auch der Pastor klaute und sang mit, also waren die Stellinger die Guten. Vor dem Damm liegt das Stellinger Wasserwerk, das 1911 den Betrieb aufnahm. Um Bedarfsschwankungen auszugleichen wurde im selben Jahr „op den Högen“, d.h. auf dem höher gelegenen Gebiet, heute Högenstraße, der Wasserturm errichtet, ein Wahrzeichen Stellingens. Das Wasserwerk wurde Mitte der 30er Jahre ausgebaut, 1989/90 modernisiert und trägt noch heute wesentlich zur Hamburger Wasserversorgung bei.

»So, jetzt geht es rechts in die Lokstedter Grenzstraße. Halblinks voraus haben wir die Station ›Hagenbecks Tierpark‹ der U 2. Wir aber biegen rechts ab in die Koppelstraße, raus aus dem Grenzgebiet zu Lokstedt.«

»Wo ist denn das heutige Zentrum von Stellingen?«

»Moment, gleich! Wieder halblinks voraus: Da ist der Wasserturm, zum Wohnturm umgebaut und stilistisch mit einem Fahrstuhlschacht verschandelt. Schneller Blick nach rechts auf die Eiche vor dem Lindner Park-Hotel – wir kommen darauf zurück, auf die Eiche meine ich. Und Rot! Paßt gut. Wir queren gleich die Hagenbeckstraße, die zum alten Eingang, dem Jugendstilportal des Tierparks führt. Das ist Jahnns ›Zufahrtsstraße‹ und die ›Tramwagen‹ waren die der Linie 11, über die es eine nette Karikatur mit Spottvers gibt. Später fuhr die Linie 16 zur Endstation ›Hagenbecks Tierpark‹, bis sie 1963 von Bussen und ab 1966 durch die U 2 ersetzt wurde. Was wollten Sie wissen? Ach ja, das Zentrum, das gibt’s leider nicht.«

Stellingen ist ein Patchwork-Stadtteil. Die von Eppendorf kommende B 5, hier Koppelstraße genannt, mit ihrer Verlängerung zum Volkspark, und die B 4, die als Kielerstraße Altona und Eidelstedt verbindet, vierteilen den Stadtteil. Die BAB 7 quert außerdem eine Wohngegend und trennt das Industriegebiet vom übrigen Stellingen. Und von Langenfelde schneiden die Trassen der Bahn und S-Bahn das Siedlungsgebiet »Die Linse« ab.

»Langenfelde gehört verwaltungsrechtlich zum Stadtteil – aber nicht zu ›meinem‹ Stellingen. In dessen Zentrum stehen für mich neben dem Tierpark, von dem wir heute mal absehen, das Rathaus und die Stellinger Kirche. Am Rathaus sind wir grad vorbeigefahren. Dort bin ich 1966 mit meiner Frau Rosita standesamtlich – und hier, in der Melanchthonstraße, von Pastor Bohn kirchlich getraut worden. Er hat das sehr ordentlich gemacht, unsere Ehe hat bis heute gehalten. Eigentlich gehören wir ja zur Kreuzkirche im Wördemannsweg, aber mein Vater Carl-Heinrich hatte für die nach dem Krieg hier wieder aufgebaute Kirche den Altar gestiftet. Ich bin hier getauft und konfirmiert worden – und ein anhänglicher Mensch. Wenn Sie ein Foto zum Interview wollen, dann bitte hier mit meiner Frau.«

»Sind Sie in Stellingen auch zur Schule gegangen?«

»Ja, in die damals sechsjährige Grundschule der Volksschule Jugendstraße 11, jetzt eine Altentagesstätte.«

»Meine schönsten Erinnerungen sind Schülerstreiche, Klassenreisen und Schulfeste. Was sind Ihre?«

»Stellinger meines Alters erinnern sich gern an das Kindergrün, das noch in vielen Orten Schleswig-Holsteins gefeiert wird.«

»Der Stellinger«, eine Lokalzeitung, die der Herausgeber nach eigenen Worten inzwischen ›an die Wand gefahren hat« schreibt 1950: »Dat Grön wird am 26. August zum dritten Male nach dem Kriege als ein Fest durchgeführt, an dem die ganze Bevölkerung Anteil nimmt. In einem sportlichen Dreikampf – Laufen, Springen und Werfen – ermitteln die Schulklassen Königinnen und Könige.« Die erhielten eine von Bundespräsident Heuß unterzeichnete Urkunde, trugen Goldpapierkronen und fuhren in Hagenbeckschen Ponykutschen mit Marschmusik durch Stellingen zum Tierpark, wo im Kinderzirkus die große Ausstattungsrevue ›Hein und Fietje‹ vorgeführt“ wurde.«

»Sie haben es also vom König zum Tierparkchef gebracht?!«

»Nee, ich habe keine Heuß-Urkunde und war nie Pappkronenkönig. Ich beherrsche nur das einfache Hängen am Reck. Jetzt schlenkern wir kurz ins Industriegebiet, und dann zeige ich Ihnen noch eine Seite von Stellingen, die ich besonders schätze.

Die Firma Emil Lüdemann im Kronsaalsweg wurde 1897 als Schmiede und Maschinenfabrik in der Kieler Straße 489 gegründet, dort, wo heute die Auffahrt zur Autobahn Richtung Elbtunnel verläuft. Der Familienbetrieb wird inzwischen in der vierten Generation geführt. Carl Hagenbeck kaufte hier seinen Tierparkzaun und bezahlte Lüdemanns erste Rechnung mit 20 Goldmark. »Als ich 1997 dem damaligen Inhaber, Herrn Peters, zum Jubiläum gratulierte, erhielt ich die kleine Goldmünze als Geschenk zurück, eine große Überraschung, für die ich sehr dankbar bin.«

Einige hundert Meter und zwei Ecken weiter befindet sich im Doerriesweg das 1897 von Christian Willi Schwartau in der jetzigen Arminiusstraße gegründete »Handelsunternehmen für alle Sorten Steinkohle, Koks, Briketts …«. Jetzt ist es eine Heizölgroßhandlung und ebenfalls ein Familienbetrieb in der vierten Generation. Carl Hagenbeck und Willi Schwartau kannten sich schon, als der »Thierpark« noch am Neuen Pferdemarkt lag. »Ob Willi auch Fritz Doerries kannte, der für Carl Marale, eine seltene Hirschart im sibirischen Altai-Gebirge fing, weiß ich nicht. Das Heizmaterial für das später von Doerries geleitete Stellinger Terrarium und Aquarium hat er jedenfalls geliefert. Es gibt noch weitere Beziehungen zu alteingesessenen Stellinger Firmen. Nicht alle sind immer einfach. Wenn ich mir bei Schmuddelwetter einen Schuh mit meinem Taschentuch poliere, wissen das bald auch Kunden der Dingsbums-Wäscherei in der mir im Augenblick entfallenen Straße. Aber wechseln wir das Thema. Wir fahren in die Wieckstraße, das dauert ein paar Minuten.«

Im »Lexikon der Hamburger Religionsgemeinschaften« von 1995 werden für Stellingen etliche Gemeinden verschiedener Glaubensrichtungen beschrieben. Ihre Zahl nimmt zu, eine aktuelle Broschüre, die Stellinger Neubürger vorbehaltslos über diese Gemeinden informiert, wird vorbereitet. Zwischen den Glaubensgemeinschaften hat es bisher nie Auseinandersetzungen gegeben. Die für alle Menschen geltenden Grundrechte werden anerkannt, der Glaube anderer wird akzeptiert. Das belegt auch die bereits erwähnte Eiche vor dem neuen Lindner Park-Hotel – ein Geschenk der Ahmadiyya Muslim Gemeinschaft an alle Stellinger. In einer Zeit, da Fundamentalisten zur Durchsetzung ihrer Überzeugungen ›heilige Kriege‹ führen, befriedigt es Dr. Carl Claus Hagenbeck zutiefst »dass an ihrer Fazle Omar Moschee in der Wiekstraße zu lesen steht: ›Liebe für alle, Hass für keinen.‹ Auch das ist, wenn Sie so wollen, mein Stellingen.«

Text Rolf Niemeyer