Der jüdische Friedhof in Langenfelde

 

Das Areal des jüdischen Begräbnisplatzes, am Försterweg belegen, fügt sich schon seit September 1886 in unser Stadtbild.
Die Erlaubnis, eigene Begräbnisplätze zu schaffen, war in Altona zwar bereits 1584 durch die Genehmigung des Grafen Adolf von Schauenburg möglich, in Hamburg bzw. Langenfelde wurde dieses erst durch Fürsprache Bismarcks in die Tat umgesetzt.

 

Aus einem Reskript vom 30. April 1886 aus der Reichskanzlei an Oberrabbiner Anschel Stern ist zu entnehmen: "Nachdem sich Stern am 22.1.86 an Bismarck gewandt hatte, wurde die  königliche Regierung in Schleswig veranlaßt in der Gemarkung Stellingen-Langenfelde die Erlaubnis der Anlage eines Friedhofs zu ertheilen."  Damit war es den Juden möglich, eigenes
Land und gleichzeitig, ebenfalls durch Bismarck, das Recht "auf ewige Zeit", zu erwerben.

 



 An die Verwalter der "vereinigten Klause"

Herrn Jac. Cohn und M. Goldschmidt zu Hamburg

z.hd. des Herrn Oberrabiner Stern

Der Königliche Landrath, Pinneberg, den 22. Mai 1886 Euer
Wohlgeboren theile ich ergebenst mit, dass die Ertheilung der seiner Zeit
nachgesuchten Erlaubnis zur Anlage eines Begräbnißplatzes in Stellingen,
diesseitigen Kreises, nunmehr gewärtigt werden kann unter der Voraussetzung,
dass die Friedhofs-Anlage nach der zunächst vorzunehmenden Prüfung als den
in gesundheits-polizeilicher Beziehung zu stellenden Anforderungen entsprechend sich herausstellen wird.

Der  Königliche Landrath gez. Unterschrift

(Bischofshausen)

 

(Abschrift vom Originalschreiben)



 

 

Dieses Recht "auf ewige Zeit" für die Juden untrennbar von
ihrem Glauben (Moses - Gen. 24,7 - Abraham erwirbt ein Erbbegräbnis für seine Frau Sarah), verknüpft sich mit der
einsetzenden Judenemanzipation zu Beginn  des 19.  Jahrhunderts.

 

 

Nach dem Abzug der französischen Truppen aus Hamburg 1814 strebten die Juden für sich die Beseitigung aller rechtlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Beschränkungen und die Gleichstellung in bürgerlichen und politischen Angelegenheiten an. Doch die starre, traditionsgebundene berufsständische
Hamburger Gesellschaft und die sehr enge Verbindung zwischen Staat und Kirche widersetzten sich diesem Anspruch.

Außerdem war eine Säkularisation, wie die Juden sie anstrebten, für die religiös geprägten Oberalten in Hamburg undenkbar.

Das bürgerliche Leben sollte weiterhin in cder christlichen Religion "ihr Lebens-Element und ihre festen Wurzeln" haben (Schreiben der Oberalten an den Senat am 13.1.1845).

Erst die Nationalversammlung 1848/49 in Frankfurt brachte die entscheidende Wende für die Gleichstellung der Juden mit dem Grundrecht § 13: "Durch das religiöse Bekenntnis wird der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte weder bedingt noch beschränkt. Den staatsbürgerlichen Pflichten darf dasselbe keinen Abbruch tun!" Endlich ein Weg für die Juden, Bürgerrechte zu erwerben. Diese Möglichkeit währte allerdings nur bis in das Jahr 1851, als die deutsche Bundesversammlung dieses Grundrecht wieder aufhob und die Frage zur Emanzipation der Juden in den Zuständigkeitsbereich der einzelnen deutschen Staaten übertrug. Für die Hamburger Juden bedeutete dies
praktisch, wieder am Anfang zu stehen.
Die Diskussion über die Emanzipation in Hamburg wurde besonders von dem jungen Hamburger Juden Gabriel Riesser bestimmt. Riesser hatte es sich, nachdem er in Heidelberg und Jena als Privatdozent abgelehnt und ihm in Hamburg die Zulassung zur Advokatur
verweigert worden war, zur Lebensaufgabe gemacht, für die Emanzipation der Juden zu kämpfen. Riesser war Vertreter der jüdischen Reformbewegung und stand dem politischen Liberalismus sehr nahe.
Der 28. September 1860 brachte dann die volle Gleichberechtigung in Hamburg. Entscheidend auch für die jüdischen Religions-gemeinschaften war der Artikel 110: "Volle Glaubens- und Gewissensfreiheit wird gewährleistet. Durch das religiöse Bekenntnis wird der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte weder  bedingt noch beschränkt. Den bürgerlichen und staatsbürgerlichen Pflichten darf dasselbe keinen Abbruch tun. ...ff".

 

Damit war die legislative Entwicklung der Emanzipation zum Abschluß gekommen.

 



An Oberrabiner

Herrn A. Stern



Hochwohlgeboren Hamburg

 

Reichskanzlei   Berlin, 30. April 1886

 

Auf die Vorstellung vom 22.Januar d.J. erwidere ich Euer Hochwohlgeboren ergebenst im Auftrage des Herrn Reichskanzlers, dass nach einer hierher gelangten Mittheilung des Herrn Ministers des Innern die Königliche Regierung in Schleswig veranlasst worden
ist, die von Ihnen nachgesuchte Erlaubnis zur Anlegung eines israelitischen
Begräbnisplatzes auf einem von der "vereinigten alten und neuen Klause in
der israelitischen Gemeinde zu Hamburg in der Gemarkung Stellingen-Langenfelde
des Regierungsbezirkes Schleswig käuflich erworbenen Grundstücke zu ertheilen. Die
oben gemachte Vorstellung dürfte hierdurch ihre Erledigung gefunden haben.

Der vortragende Rat in der Reichskanzlei

gez. Rottenburg

(Abschrift des Originals)

 

Während die Emanzipation im bürgerlichen Leben positive
Veränderungen zeigte, gab es in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gravierende Auseinandersetzungen über Friedhofs- und Beerdigungsfragen. Da der "Friedhof vor dem Dammtore" (Grindelfriedhof) nur noch wenige Plätze
frei hatte, bat die jüdische Gemeinde, für einen neuen Friedhof Gelände käuflich zu erwerben. Dieses Gesuch wurde vom Senat abschlägig beschieden, gleichwohl wurde die Benutzung eines Platzes auf dem staatlichen Zentralfriedhofes angeboten.

Dieses Angebot hatte nun eine große Schwierigkeit für die Juden, über die sie unter sich und mit Senat und
Bürgerschaft mehrjährige Verhandlungen führten. Nach jüdischem Recht wird das Grab als unveräußerliches Eigentum des Toten betrachtet: Ausgraben eines Toten und Gebrauch des Begräbnisplatzes zu anderen Zwecken ist streng verboten.
Deshalb mußten die orthodoxen Juden darauf bestehen, den Friedhof als Eigentum zu erwerben.

Der Senat zeigte großes Verständnis für die jüdischen Wünsche, und die Gemeinde erhielt einen Teil des allgemeinen Friedhofs (Ohlsdorf), der ihr nur im Falle dringender Notwendigkeit und nur auf dem Wege der Gesetzgebung wieder entzogen werden konnten. Außerdem wurde den jüdischen Gemeinden die Zusicherung erteilt, "daß die einmal mit Särgen belegten Grabstätten während der Dauer des Friedhofs nicht wieder geräumt und aufs neue belegt werden sollen."

 

Die Bürgerschaft war zunächst nicht so bereit wie der Senat, den Wünschen der Juden nachzugeben, tat es aber dennoch.
Interessanter weiser verweigerte sie den Katholiken einen eigenen Platz und Sonderrechte. Die Orthodoxen wollten sich nicht mit dem Kompromiß zufrieden geben. Der Oberrabiner Anschel Stern bemühte sich daher, von den Hamburger
Behörden einen Begräbnisplatz für ewige Zeit zu erwerben. Nachdem sein Suchen zu scheitern drohte,
wandte er sich an Fürst Otto von Bismarck mit der Bitte, daß es der jüdischen Gemeinde gestattet werde, auf preußischem Gebiet einen entsprechenden Beerdigungsraum zu erwerben. Nach langen Verhandlungen ist das Ersuchen dann
endlich bewilligt worden:

 

Am 20.Januar 1887 hieß es in einem Artikel der jüdischen Presse: "Am letzten Sonntag begaben sich unter Benutzung von
fünf Pferdebahn-Wagen eine große Anzahl von Gemeindemitgliedern nach Langenfelde, um den Begräbnisplatz einzuweihen..." In der Weiherede bedankte sich Anschel Stern
nochmals beim Kaiser und Reichskanzler für die Unterstützung.

 

An Oberrabiner Stern

 

Der Königliche Landrath, Pinneberg den 15. Dcbr. 1886

Auf den gefälligen Antrag vom 19. November d.J. betreffend
die Bewilligung der Abnahme resp. die Benutzung des israelitischen Friedhofes
auf Stellinger Feldmark, erwidere ich ergebenst, dass die förmliche Abnahme der
Anlage durch den Kreisbaubeamten erst dann stattfinden kann, wenn sämmtliche in
dem genehmigten Anlage und Bauplan vorgesehenen Bauten und Anlagen vollendet
sind.

Es ist jedoch Nichts dagegen zu erinnern, wenn der Friedhof
in Benutzung genommen wird, jedoch nur unter folgenden Bedingungen:

1.) dass um den Friedhof eine 2 Meter hohe Planke, dicht
von Holz hergestellt, und dass dies geschehen, dem Herrn Baurath Greve in
Altona nachgewiesen wird.

2.) dass die ordentlichen Bauten und Anlagen binnen
Jahresfrist ausgeführt werden, bei Meidung einer Conventionalstrafe von 5000 M,
für welcher Euer Hochwürden persönliche Bürgschaft übernehmen müssen.

 

Ich ersuche daher mir eine gerichtliche oder notarielle
Bürgschaftsacte Euer Hochwürden zu den Akten gefälligst bald einliefern zu
wollen.

Ich bemerke dazu ergebenst, dass ich die Bürgschaft Euer
Hochwürden nur deshalb vorgeschlagen habe, um abermalige Weiterungen zu
vermeiden; eventuell würden Euer Hochwürden mir gefälligts einen solventen
sonstigen Bürgen angeben können, über dessen Solvenz dann wieder Erhebungen
anzustellen wären.

 

Der Köngliche Landrath

gez. Unterschrift

(Abschrift vom Originalschreiben)