Kieler Straße

Kieler Straße in Richtung Eidelstedt - ungefähr auf der Höhe von ehemals Medimax. Aufnahme von ca. 1910

 

Schon im Mittelalter war die Kieler Straße ein verkehrspolitisches Problem. Es war die wichtigste Verbindung zur Stadt, aber allzu starker Regen machte sie unbegehbar. Dann nämlich wurde die Benutzung der alten Ochsenwege zu einer abenteuerlichen Rutschpartie. Dem wollte der dänische König Frederic VI. zu Beginn des vorigen Jahrhunderts offenbar entgegenwirken, als er den Plan fasste, aus den Ochsenwegen eine "Kunststraße nach napoleonischem Vorbild" zu bauen.

Die Bevölkerung war von diesem Plan begeistert, denn er schufeinen Verkehrsweg, der in seiner Art mit zu den ersten Deutschlands gehörte und ein Wunderwerk derzeitiger Straßenbautechnik war. Ihrer Bedeutung entsprechend wurde die neue Chaussee mit großen Meilensteinen nach jeder vollen Meile und mit kleinen nach jeder halben Meile versehen.

Der erste Erlass "zur Vermessung und zur Anlage einer makadamisierten Chaussee" wurde von Friedrich VI am 9. September 1828 unterzeichnet, und damit war der Anstoß zum Bau gegeben.

(Makadamisierung nach dem Schotten McAdam: mehrere Schotterschichten übereinander, vermischt mit Bitumen).

Die Kieler Straße, die bis 1888 offiziell Pinneberger Chaussee hieß, nahm ihren Anfang in Altona am Gählers Platz und endete in Kiel am "Rondell". Im Gedenken des großen Werkes steht dort noch ein Gedenkstein mit der Inschrift:" Fridericus VI hanc viam sternendam curavit MDCCCXXX (Friedrich VI ließ diese Straße ebnen 1839) - im Volksmund fälschlicherweise als "Sternendamm" gedeutet.

Da die Straßenbautechnik noch in den Kinderschuhen steckte, musste die Muskelkraft den Mangel an Lastwagen und Maschinen ausgleichen. Jeder kräftige junge Mann wurde beim Bau benötigt und eingesetzt. Dass auch viele Erwerbslose beim Bau eingesetzt wurden, geht aus einem Schreiben der Firma Renk & Söhne hervor, die darum bat, die entlassenen Arbeiter bei Bau zu beschäftigen, nachdem sie 1831 Konkurs angemeldet hatte.  

Der "generelle Arbeitsplan" der Wegebaukommission sah vor, an möglichst vielen Stellen gleichzeitig zu beginnen, um die vorgesehene Bauzeit von vier Jahren einzuhalten. Zunächst wollte man einen Damm schütten, nach 2-jähriger Lagerung "versteinen", den Steinschlag auflegen.

In den Jahren 1830 - 1833 wuchs die neue Kunststraße. Die ersten Wegewärterhäuser konnten bereits 1832 in Betrieb genommen werden und bis 1834 waren in allen 13 Chausseehäusern die Arbeit aufgenommen worden. Das erste Wegewärterhaus stand in Langenfelde, an der Kieler Straße/Langenfelder Damm. Der letzte Chausseewärter hieß Bock, genannt "Chaussee-Bock", bekannt wie ein bunter Hund, denn immerhin stand er 54 Jahre im Dienst. Das Wärterhäuschen wurde zu Beginn unseres Jahrhunderts abgerissen.

Die Chaussee brachte insgesamt viele Vorteile, von nun an fuhren täglich zwischen Hamburg und Kopenhagen die Postkutschen.

Auch bei Ellerbrock (Hof 17) und Kistenmacher (Hof 21) stiegen viele Bauern ab, die ihre Erzeugnisse zur Stadt brachten. Übernachtungsprobleme wurden ganz schlicht dadurch gelöst, dass man Stroh in die Gaststube schüttete. Damals wie heute ein typisches Bild am Chausseewärter Haus: "Stau". Nur damals handelte es sich um Milchwagen, die Produkte an die Eimsbütteler Milchhändler übergaben.

Eine Posthalterstelle war bei Friedrich Lüdemann (Hof 16), hier wechselte die Post Berlin-Kopenhagen ihre Pferde.

Der Anfang von Stellingen bildeten, die um den Pool gescharten Strohdachhäuser. Nun begannen die an der Landstraße gelegenen Wirtshäuser eine neue Entwicklung einzuleiten. Die Städte Altona und Hamburg rückten näher. Das war für die Landwirtschaft von Vorteil, denn mit Hilfe der Stadt konnte der Zustand der Äcker verbessert werden. Wald, Heide und Moor konnten durch den natürlichen Dünger der Stadt urbar gemacht werden.

 

Die Stadt Hamburg baute erst nach der Cholera-Epidemie 1892 ihre Siele für Abwasser aus, bis dahin fehlte es noch an jeglicher Hygiene. Die Küchen- und Straßenabfälle und natürlich auch die "Plumpsklo-Inhalte" wurden von "Dreckskutschern" gesammelt. Diese Knechte waren eigens von größeren Bauern dazu verpflichtet worden, bestimmte Straßen regelmäßig zu befahren und den Unrat wegzubringen. Die Dreckskutscher fuhren frühmorgens um zwei Uhr los, und weckten die Bewohner mit ihrem eintönigen "Gesange" "Dreckwogen!" aus dem Schlummer, denn morgens um acht Uhr mussten sie aus der Stadt sein.

Anfang der 60-er Jahre rollten viele Pferde-Omnibusse über die Chaussee. Bis 1871 kutschierte Johann Wullenweber mehrmals täglich seinen Omnibus von Eidelstedt zur Altonaer Großen Freiheit. In den 90-er Jahren fuhr zwischen Eidelstedt und Altona der Etagen-Omnibus des Sattlers P. Ahlbrecht. Die Kieler Straße hatte aber auch ein winterliches Verkehrsbild, denn im Winter holten die Jungs ihre Schlitten hervor und hingen sich damit an die Fuhrwerke, um ein Stück "mitzurüschen". Wem es gelang, seinen "Sleden" (Schlitten) an einen "Fleuger" anzuhängen - so hießen die schnellen bespannten Schlitten - der sauste mit dem Geläut der Glockengeschirre dahin, glühend beneidet von allen Buttjes. Das war schöner als eine Rundfahrt auf Lehmanns Karussell an der Kieler Straße; denn das "Mitrüschen" kostete ja nichts.

So glanzvoll wie der Bau und die Entwicklung des Reiseverkehrs danach blieb die Geschichte der Kieler Str. nicht immer. Ein scharfer Wettbewerbsgegner erwuchs aus der Eisenbahn. Die Idee dieser Eisenbahn stammte vom dänischen König Christian VIII. Am Geburtstag des Königs im September des Jahres 1844 schnaufte sie zum ersten Mal durch das aufgeschüttete Stellinger Moor. Die Verlagerung des Verkehrs vollzog sich nun, wie wir es heute gerne hätten, von der Straße zur Schiene. Die Wirtschaften mit ihren umfangreichen Gasträumen und Stallungen kämpften um ihre Existenz. Und was passierte mit der Chaussee??

Sie hatte einstweilen Sendepause und der Chronist berichtet, dass die Chausseewärter ihre liebe Not hatten, den Graswuchs von der Fahrbahn zu entfernen.

Erst 1880 plante ein Komitee‚ den Bau einer Nebenbahn auf der Chaussee. Aber eine Dampfeisenbahn war den Gemeindevertretern von Stellingen und Eidelstedt dann doch nicht geheuer. Eine Bürgerinitiative machte Front gegen den qualmenden Fortschritt, und es wurde ein Gutachten des bayrischen Medicinal-Collegium angefordert, das zu bedenken gab:

"Die schnelle Bewegung muss bei den Reisenden unfehlbar eine Gehirnkrankheit, eine besondere Art des Delirium furiosum erzeugen. Wollen sie aber dennoch der grässlichen Gefahr trotzen, so muss der Staat wenigstens die Zuschauer schützen." Weder die Proteste noch das Gutachten halfen, denn vielmehr luden die Bahnunternehmer die widerspenstigen Gemeindevertreter zu einem fürstlichen Mahl nach Altona ein, um ihnen das Ja-Wort zu entlocken. Das gelang, denn das Essen war hauptsächlich   "flüssiger" Natur. Und gegen die Entscheidung konnte selbst Jochim Wördemann nichts tun: "Se wärn jo all dorför!"

Also schnaufte ab 1884 die Altona-Kaltenkirchener Bahn, die A.K.B. im Volksmund die "Angst und Kummerbahn" genannt - mit einem Höllentempo von 30 km/h über die Kieler Chaussee.

Auf der schmalen Fahrbahn (21 Fuß breit, d.h. ca. 9 m) musste es unweigerlich zu Unfällen kommen. Der Funkenflug der Lok entzündete das Strohdachhaus des Bleichers Schleemann, Ecke Sandweg - heute Pelikanstieg. Einmal geriet die Bahn aus der Spur und landete nachts mit einigen zurückkehrenden Ausflüglern neben dem Fußsteig in der Knabenschule. Am nächsten Tage mittags kam die Bahn mit Hilfe von Hebeln wieder auf die Beine.

Lange Zeit war die "Elefantenjagd" Gesprächsstoff Nummer eins der Stellinger. Carl Hagenbeck hatte seinen Tierpark vom Neuen Pferdemarkt nach Stellingen verlegt. Vom Bahnhof Eidelstedt oder Altona zogen die Tierkarawanen zum Tierpark. Einmal auch Elefanten, die dann auch prompt vor der heran prustenden Lokomotive ausrissen. Welche Aufregung und Angst diese Dickhäuter in dem Dorf auslösten, kann man sich wohl denken.

Kurz nach der Jahrhundertwende verdrängte die "Elektrische" die letzten Pferdebahnen. überhaupt veränderte sich das Bild der Kieler Straße. Gerade in den letzten Jahren vor dem 1. Weltkrieg begann der Langenfelder Bereich der Kieler Str. seinen dörflichen Charakter zu verlieren, denn entlang der Chaussee entstanden verhältnismäßig hohe Bauten. Mit den ersten Bauten von Adolf Käselau und Hermann Franzenburg der das Lokal "Zur Franzenburg"   errichtete, die ersten "Hochhäuser".

Dörflich blieb es eigentlich nur in regenreichen Wochen, denn die Gräben zu beiden Seiten konnten das Wasser kaum aufnehmen.

Die A.K.B. bekam, nachdem sie mehr und mehr zum Hindernis auf der Chaussee geworden war, 1912 einen eigenen Gleiskörper. Diese Verlegung der Bahn nahmen die Gemeinden Stellingen und Eidelstedt zusammen mit der Stadt Altona zum Anlass, eine großzügige Ausfallstraße vom Kreuzweg (jetzt Stresemannstr.) über Langenfelde, Stellingen bis zur Eidelstedter Doppeleiche zu errichten. Gleichzeitig wurde ein Doppelgleis für die Straßenbahn verlegt.

Seit Beginn der Kieler Chaussee sind nun mittlerweile über 150 Jahre verstrichen und die einstige Landstraßenromantik musste nach und nach dem technischen Fortschritt weichen. Der Krieg hat das Seine dazu beigetragen. Viele Häuser waren zerbombt, und wenn sie den Bombenhagel überstanden hatten, fielen sie der Spitzhacke zum Opfer. Wie die Scheune des "Alten Gasthauses", oder das Gartenhaus der Familie Timm, die dem Ausbau der Kreuzung Sportplatzring im Wege waren. Verschwunden wie die vielen alten Häuser sind auch die beliebten Tanzlokale, und wo einst die Postkutschen fuhren, bewegen sich heute allmorgendlich tausende Autos in einem "Höllentempo" über Stellingens Hauptverkehrsader.